Emotionaler Abschied

#

Ein Kommentar von Theresa Pfaff

Warum weinen Menschen, wenn ein Flughafen geschlossen wird?

Der Flughafen Tegel wurde für den Flugverkehr nun endgültig geschlossen. Die letzte Maschine der Air France ist am Montag nach Paris gestartet mit geschichtlichen Symbolwert – der erste Linienflug im zivilen Flugverkehr von Tegel ist am 2. Januar 1960 ebenfalls von Air France abgewicket worden.

Mit einem großen Aufgebot wurde der Abschied von den Berliner*innen begangen. Ganz untypisch für die derzeitige Pandemielage strömten viele Menschen zu diesem Großereignis. Die Worte, die die Abschiednehmenden in Interviews mit unter anderem dem RBB fanden, um ihre Gedanken zu dieser Schließung zu beschreiben, waren frappierend emotional. Als würde die Stadt Abschied von einem geliebten Menschen nehmen.

Eine Frau beschrieb ihr Gefühl als „sentimental und mulmig“, ihrer Meinung nach, gehe ein Stück Heimat kaputt. Sie trug ein T-Shirt mit R.I.P. Tegel (Rest in Peace Tegel, Ruhe in Frieden Tegel). In einem anderen Interview flossen sogar Tränen. Ein Anwohner beschrieb, wie er die Flugzeuge, die direkt über seinem Balkon fliegen, vermissen wird. Berlin würde zudem ein Aushängeschild verloren gehen ohne diesen innerstädtischen Flughafen. Der Berliner Bürgermeister Michael Müller wird zitiert mit den Worten: Vielen blutet das Herz. Anwohner*innen werden in einem Teil der Stadt also befreit von Fluglärm und Luftschadstoffen und empfinden tiefe Trauer, Unbehagen und sind unzufrieden, was das für das Image von Berlin bedeutet.

So ganz zu begreifen ist das kaum. Einen geschichtlichen und architektonischen Mehrwert kann man Bauwerken wie dem Tegeler Flughafen nicht absprechen und mögen sie in Dokumentationen und Büchern ewig fortwähren. Aber warum stimmt es Menschen so traurig, wenn ein Flughafen schließt. Eine Hypothese lässt sich hier wiederfinden – der Mensch ist ein Gewohnheitswesen. Er passt sich an seine Umgebung an, indem er sich an alles gewöhnen kann und dadurch glücklich und zufrieden ist. So wird Fluglärm von einer gesundheitlichen Belastung über die Jahre zu einem wohltuenden, vertrauten Hintergrundgeräusch. So werden parkende Autos Teil der Stadtlandschaft und fast unsichtbar. Aber sobald ein paar E-Kickscooter oder Leihfahrräder auf dem Fußweg stehen – die sind einfach ungewohnt – kommt es zu Konflikten.

Aber bleiben wir beim Flughafen. Seine Schließung birgt viel Potenzial. Schaut man sich die Pläne der Berliner Senatsverwaltung für das Gelände des Flughafens an, können durchaus andere starke Gefühle aufkommen – Freude und Hoffnung.

Auf dem Areal soll unter anderem Wohnraum geschaffen werden, ein neuer Landschaftspark entstehen und es wird auf „kluge Mobilität“ gesetzt.

Der Radverkehr soll auf dem Gelände Vorrang haben und sogar ein Fahrradschnellweg soll entstehen. Hier eröffnen sich Möglichkeiten für ein wunderschönes neues Aushängeschild der Stadt. Trotzdem ist es wichtig, die Trauer und die Tränen ernst zu nehmen und zu verstehen, dass anscheinend Veränderungen in der Stadt für viele Menschen sehr schwierig sind. Wir haben uns an Fliegen und Fluglärm gewöhnt, an Autos und den lauten Straßenverkehr. Wir müssen uns allerdings dringend entwöhnen und die Sinnhaftigkeit bestimmter Gewohnheiten hinterfragen. Bei der Schließung eines Flughafens sollte Freude aufkommen und eine Diskussion zur Sinnhaftigkeit unseres ausgiebigen, klimaschädlichen Flugkonsums.

Weiterführende Links:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.

Menü