Was hat es mit dem Konzept der Bürger:innenwissenschaften auf sich?

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Ein Beitrag von Gesine Wilbrandt

 

 

Gesine Wilbrandt ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei
inter 3 – Institut für Ressourcenmanagement. Als intersektionale
Stadt- und Beteiligungsforscherin arbeitet sie unter anderem
im bürger:innenwissenschaftlichen Projekt Compair, in dem
Bürger:innen von zu Hause oder von unterwegs auf dem Fahrrad
mit Sensoren die Luftqualität in Berlin messen.

 

 


Was hat es mit dem Konzept der Bürger:innenwissenschaften auf sich?

In einer Podiumsdiskussion im Berliner Graefekiez, wo mit Unterstützung der Wissenschaft ein verkehrspolitisches Experiment durchgeführt wird (Parkplätze werden entsiegelt und den Bewohner:innen für andere Nutzungen zur Verfügung gestellt), dreht sich alles um Beteiligung in der Wissenschaft – genauer um das Konzept der Bürger:innenwissenschaften.

Bürger:innenwissenschaften (engl. Citizen Science) ist ein partizipativer Forschungsansatz, bei dem sich Personen an wissenschaftlichen Prozessen beteiligen, ohne selbst im Wissenschaftsbetrieb tätig zu sein. Das Mitwirken der Bürger:innen reicht von einer Datenerfassung wie dem Zählen, bis hin zu einer intensiven Mitarbeit im Forschungsprozess. Eine akademische Ausbildung ist keine Voraussetzung, jedoch das Einhalten wissenschaftlicher Standards, inklusive transparenter Methodik und öffentlicher Ergebnisdiskussion.

Das Grundprinzip von Bürger:innenwissenschaften ist keineswegs neu. Seit jeher haben sich Laien an Forschung beteiligt, indem sie ihre unmittelbare Umgebung erkunden und dadurch Wissen und Daten bereitstellen. Mittlerweile hat sich der Ansatz stärker etabliert und wächst in seiner Bedeutung als innovative Ergänzung zu anderen Beteiligungsformaten für die wissenschaftliche und gesellschaftliche Praxis.

Geprägt wurde der Begriff Mitte der 90er Jahre zeitgleich von den beiden Forschenden Alan Irwin und Rick Bonney. Während der britische Sozialwissenschaftler Irwin im Citizen Science-Ansatz die Möglichkeit sah, Wissenschaft näher an die Bürger:innen zu bringen, lag der Fokus des US-amerikanischen Ornithologen Bonney in der breit angelegten Datensammlung. Aus beiden Strömungen speist sich das heutige Verständnis: Bürger:innenwissenschaften machen Wissenschaft für Bürger:innen nicht nur erlebbar, sondern verändern auch die Art und Weise, wie geforscht wird. Damit eröffnet der Ansatz neue Türen hin zu einer Demokratisierung der Wissenschaft.

Bürger:innenwissenschaften in der Praxis

Was in der Praxis zunächst auffällt: Wie auch in anderen Beteiligungsprozessen sind die Gruppen in bürger:innenwissenschaftlichen Projekten äußerst homogen. Es dominieren akademisch ausgebildete und engagierte Bürger:innen, die mit ihren privilegierten Ressourcen leichter zum Mitwirken befähigt werden bzw. über das, mit Bourdieu gesprochen, kulturelle Kapital verfügen, um überhaupt in solchen wissenschaftlichen Vorhaben mitzumachen.

Das Besondere der Bürger:innenwissenschaften kann gleichzeitig zum Fallstrick werden. Bürger:innen erheben als Forschende selbst Daten. Dass Bürger:innen nicht zu bloßen Datenlieferant:innen degradiert werden, ist eine essentielle Aufgabe bei der Gestaltung der Beteiligung. Was in Forschungsprojekten oft als zusätzliche Herausforderung hinzukommt, ist das oft feste Forschungsdesign mit vorher definierten Zielen und Arbeitspaketen. Das erschwert den Anspruch einer Zusammenarbeit auf Augenhöhe, bei der die Bürger:innen mitreden können.

Das wirft die Frage auf, wie die Zusammenarbeit zwischen Bürger:innen und Wissenschaftler:innen sowie der Projektverlauf optimalerweise gestaltet sein sollte, damit alle Beteiligten von einem erfolgreichen Projekt sprechen. Darüber hat sich auch schon die European Citizen Science Association Gedanken gemacht und dafür die zehn Prinzipien von Bürger:innenwissenschaften entwickelt.

Darin heißt es beispielsweise, dass die Evaluierung von Citizen Science-Projekten neben qualitativ hochwertigen wissenschaftlichen Daten auf einem erkennbaren Mehrwert für die Beteiligten fußen sollen. Rückmeldungen und Transparenz darüber, wie die erhobenen Daten genutzt werden, sind für eine aussichtsreiche Zusammenarbeit genauso wichtig, wie eine explizite Wertschätzung und ein ausgesprochener Dank beispielsweise in Projektpublikationen und im direkten Miteinander.

Ganz klar ist, bürger:innenwissenschaftliche Projekte brauchen Zeit und sind keine Selbstläufer, die sich mal hier und da in Forschungsprojekte integrieren lassen. Sie erfordern personelle und zeitliche Ressourcen, um die sehr (zeit-)intensive Beziehungsarbeit mit den Bürgerwissenschaftler:innen neben dem wissenschaftlichen Alltag stemmen zu können.

Wissenschaft selbst erleben, indem selbst geforscht wird

Erfolg zeigt sich also nicht nur in den erhobenen Daten und dem Erreichen der Projektziele, sondern auch in der Qualität der Zusammenarbeit. Bürger:innenwissenschaftliche Projekte sollten so konzipiert sein, dass sie die Teilnehmenden in ihrer Selbstwirksamkeit stärken, thematisch und in ihren Beteiligungsformaten vielfältig aufgestellt sind und auch einfach Spaß machen.

Das angeleitete Kennenlernen und Erleben wissenschaftlicher Methoden und der Forschungspraxis erhöhen das Vertrauen und die Transparenz in Wissenschaftlichkeit. In Zeiten von wachsender Politikverdrossenheit und pseudowissenschaftlicher Verschwörungserzählungen trägt dies zu einer Versachlichung von Debatten bei. Denn Bürger:innenwissenschaften sind wissenschaftlichen Standards und der Neutralität in der Datenerhebung verpflichtet.

Die durchaus hohen Datenmengen, die bürger:innenwissenschaftliche Projekte generieren, können genutzt werden, um Argumentationslinien zu stärken, politischen Druck aufzubauen und Handlungsempfehlungen auszusprechen, ohne dabei die Integrität der Wissenschaft zu gefährden. Gelingt der Schulterschluss zwischen Wissenschaftler:innen und Bürger:innen, liegt so im Ansatz der Bürger:innenwissenschaften ein transformatives Potenzial, was die Wissenschaftskommunikation nicht zu leisten vermag: Wissenschaft selbst erleben, indem selbst geforscht wird.

Wie steht es konkret um den Transfer der wissenschaftlichen Erkenntnisse in die Gesellschaft?
Wie wirkt der Ansatz der Bürger:innenwissenschaften in die Gesellschaft zurück?

Die Bürger:innen, die an solchen Forschungsprojekten teilnehmen, fördern durch Bürger:innenwissenschaften ihr Lernen und ihre Kompetenzen in Bezug auf wissenschaftliche Themen, Methoden und Prozesse und stärken darüber hinaus ihr Interesse und ihre Motivation für Forschung. Die Forschungsprojekte formen auch die Perspektiven und Einstellungen der Teilnehmenden und können so kurz- bis langfristig auf deren Verhalten einwirken und gesellschaftlich neue Impulse setzen.

Die Bürgerwissenschaftler:innen agieren als Multiplikator:innen, die Erkenntnisse in ihr privates, berufliches oder ehrenamtliches Umfeld tragen, sich innerhalb der Projekte vernetzen und zukünftig in weiteren Projekten engagieren sowie weitere Interessierte in ihrem Umfeld erreichen. Das Besondere der Bürger:innenwissenschaften ist, dass sie die Relevanz und die Nutzung der Forschungsergebnisse für die Gesellschaft erhöhen, indem sie Bedarfe und Fragen der Bürger:innen berücksichtigen. Dieses Praxiswissen verhilft somit der Wissenschaft zu realweltlicheren Fragestellungen und Lösungsansätzen.

Bürger:innenwissenschaften und Mobilität

Im Projekt COMPAIR treffen Bürger:innenwissenschaften auf Verkehr und Mobilität. Dort erforschen Bürger:innen in zwei Gruppen auf Fahrrädern oder von zu Hause aus zum einen die Güte der Berliner Luft und zum anderen den innerstädtischen Verkehrsfluss. Mit kleinen Feinstaubsensoren am Fahrradlenker misst die erste Gruppe radelnd auf ihren täglichen Pendelrouten, wie es um die Luftqualität steht. Sie erfahren über das Licht am Sensor unmittelbar und über eine Online-Plattform im Detail, wo es sich der besseren Luft wegen lohnt, eine Alternativroute einzuschlagen, und sie können ermitteln, wie belastet die Luft an Kreuzungen, auf Hauptstraßen oder an heißen Tagen ist.

Die zweite Gruppe misst bequem von zu Hause Feinstaub, Ruß oder den Verkehrsfluss mit Sensoren, die an ihren Fenstern oder Balkonen im Graefekiez befestigt sind. Da dort aktuell ohnehin ein verkehrspolitisches Experiment durchgeführt wird, eignet sich dieses Untersuchungsgebiet besonders gut, um herauszufinden, ob die Begrünungs- und Verkehrsberuhigungsmaßnahmen einen Einfluss auf die Luftqualität und auf den umliegenden Verkehrsfluss haben.

Die Teilnehmenden beider Teilprojekte leisten selbst schon einen Transfer der Erkenntnisse, indem sie diese an ihr Umfeld weitertragen. Vor allem im Graefekiez zeigt sich der Erfolg von Community-Champions. Damit sind besonders engagierte Personen gemeint, die im Kiez gut vernetzt sind und so eine wertvolle Brücke zwischen der Nachbarschaft und der Wissenschaft schlagen.

Im Graefekiez war die Nachbarschaftsinitiative Graefekiez-Forum eine treibende Kraft: Sie half uns als Forschungsteam beim Zugang in die Nachbarschaft. Auch nahmen Mitglieder des Forums an den Messungen teil und halfen so bei der Verbreitung der Ergebnisse. Darüber hinaus sorgen Veranstaltungen und Veröffentlichungen dafür, dass die Forschungsergebnisse in die Gesellschaft und vor allem als Handlungsempfehlungen an die Politik getragen werden.

In der bevorstehenden großen öffentlichen Messkampagne ab Januar 2024 werden Dashboards, also Online-Plattformen, zur Verfügung stehen, um den Erkenntnis- und Wissenstransfer zu fördern. Den Fahrradfahrer:innen steht dann eine nutzer:innenfreundliche Plattform zur Verfügung (Dynamic Exposure Visualisation Dashboard, oder DEV-D), auf der sie Einsichten in ihr eigenes Belastungsprofil erhalten.

So können sie auf einer Karte sehen, entlang welcher Route sie sich fortbewegt haben, wie hoch die Gesamtbelastung war und wie es sich auf ihre Gesundheit auswirkt. Solche Erkenntnisse können zudem auch für die lokalen Bezirksämter oder die Senatsverwaltung von Interesse sein. Denn in Gebieten mit wenigen oder keinen Messstationen können durch mobile Messungen etwaige Belastungshotspots identifiziert und mit hochaufgelösten und validen Daten untersetzt werden.

Zusätzlich wird es ein Policy Monitoring Dashboard (PMD) geben, auf dem politische Akteur:innen und Interessierte die erhobenen Daten einsehen und sich über die Wirksamkeit von lokalen Maßnahmen auf die Luftgüte und den Verkehrsfluss informieren können. Auch die Daten des Graefekiezes sind dort zu finden. Der Vorteil des PMD liegt darin, dass politische Akteur:innen sowie engagierte Nachbarschaften neben dem Informieren auch selbst neue Projekte anlegen können. Mithilfe des PMD soll ein spielerisches, visuell ansprechendes und möglichst niedrigschwelliges Instrument zum Ergebnistransfer entstehen. Wie ergiebig dieses neben Veranstaltungen und Veröffentlichungen ist, wird die Messphase ab Januar 2024 zeigen.


 

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