Reallabore – Eine Chance, die genutzt werden sollte

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Ein Beitrag von Viktoria Scheidler

Viktoria Scheidler ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der
Forschungsgruppe Digitale Mobilität. Am meisten interessiert
sie sich für Partizipationsprozesse und das Einbinden der
diversen Gesellschaft in die Forschungs- und Innovationskultur.
Denn nur, wenn wir den Kontext und die unterschiedlichen Menschen,
die von Technologien betroffen sind, mit einbeziehen, schaffen
wir eine gerechtere Lebensrealität für alle. Dieses Thema greift
sie in ihrem Blog-Beitrag auf und zeigt anhand von Reallaboren,
dass wir zwar schon auf einem guten Weg sind, hier aber noch
einiges ausbaufähig ist.

 


Reallabore – Eine Chance, die genutzt werden sollte

Reallabore und ähnliche Innovationsansätze sind derzeit ein beliebtes Format, um eine nachhaltige Zukunft in und mit der Gesellschaft zu gestalten. Um Innovation und Gesellschaft wirklich besser in Einklang zu bringen und damit auch eine Energie- und Verkehrswende zu schaffen, müssen Reallabore allerdings ihren Prinzipien treu bleiben. Sie müssen die Möglichkeit zum Mitmachen eröffnen.

Was sind überhaupt Reallabore und warum bieten sie so viel Potential für die Energie- und Verkehrswende?

Die Begriffe „Reallabore“ oder „Experimentierräume“ haben in den letzten Jahren auch im Bereich der Energie- und Verkehrswende einen richtigen Hype erfahren. Auf Bundesebene schießen Reallabor-Förderprogramme wie „Reallabore der Energiewende“ (BMWi) oder #mobilwandel2035 (ein Zukunftswettbewerb des BMUs) regelrecht aus dem Boden.

Aber was genau sind denn überhaupt Reallabore? Hier werden technische und soziale Innovationen in und mit einem realen gesellschaftlichen Kontext erprobt. Forschungscampi, Bezirke oder gar ganze Kommunen werden zu Experimentierorten, in denen z.B. autonome Shuttle oder andere neue Mobilitätsangebote im Alltagsbetrieb getestet werden. Dabei sind nicht nur Wissenschaftler*innen an dem Laborversuch beteiligt, sondern auch Bürger*innen vor Ort. Die Erwartung: Haben sich beispielsweise Mobilitätsangebote in den begrenzten Räumen bewährt, können sie bestehen bleiben. Erfolgreiche Realexperimente können sogar Blaupausen für andere Einsatzorte sein.

Durch das Erproben von Innovationen in der Gesellschaft wird nicht nur die Funktionsfähigkeit, sondern auch die Marktresonanz und Akzeptanz getestet. Die Akzeptanz spielt im Bereich Energie- und Verkehrswende eine wichtige Rolle: Sharing-Angebote wie das Car-Sharing oder auch das Prosuming in dezentralen Stromnetzen erfordern ein Umdenken und Mitmachen der Gesellschaft. Nur so kann diese Transformation auch wirklich gelingen. Reallabore gelten daher als große Chance, für die Energie- und Verkehrswende die nötige gesellschaftliche Unterstützung zu erhalten.

Halten Reallabore was sie versprechen?

Nun stellt sich allerdings die Frage, wie das Ganze in der Umsetzung aussieht. Und je mehr Praxiserfahrung gesammelt wird, desto öfter sieht man, dass es gar nicht so leicht ist, diesen Prinzipien treu zu bleiben oder dass es (von manchen Akteuren) vielleicht gar nicht unbedingt gewollt ist.

Zwar wird die Gesellschaft oft durch unterschiedliche Formate der Bürger*innenbefragung und durch Einbezug von Information vor Ort involviert, doch dienen diese Beteiligungsverfahren oft nur der obligatorischen Partizipationspflicht. Oder sie sollen formale Akzeptanz dokumentieren. Die Logik dahinter: Weil die Gesellschaft in Innovations- und Veränderungsprozesse oft nicht wirklich einbezogen waren, sind viele Innovationen nicht erfolgreich gewesen und konnten nicht umgesetzt werden. Man läuft Gefahr, dass dabei Beteiligungsformate somit nicht der Bürger*innen willen, sondern der Technologie willen eingesetzt werden.

Reallabore als Blaupausen für die Energie- und Verkehrswende?

Für Reallabore gilt, dass Innovationen auch an anderen Orten genutzt werden können. So versucht man z.B. an bestimmten Orten Reallabore für die Energie- und Verkehrswende ins Leben zu rufen, um die Energiewende in ganz Deutschland zu schaffen. Das hört sich sehr vielversprechend an und ist es auch in vielerlei Hinsicht. Denn durch das Ausprobieren vor Ort erhält man eine Menge Praxiserfahrung mit der getesteten Innovation: Die Technologie selbst wird für alle greifbarer gemacht und wenn sie sich in einem Kontext bewährt, dann funktioniert sie voraussichtlich auch in anderen. In dieser beabsichtigten Übertragbarkeit steckt jedoch auch eine gewisse Spannung: Auf der einen Seite beziehen sich Reallabore immer auf einen spezifischen lokalen Kontext und betonen die Wichtigkeit, lokale Lösungen für spezifische Orte zu schaffen.

 

Bausteine von Reallaboren (Bild: nach Parodi et al. 2016, Forschungsgruppe Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Transformation ITAS/KIT)

Auf der anderen Seite sollen sie aber auch „neutrale“ Labore sein, in denen neue Innovationen für eine generelle Anwendung getestet werden. Diese Spannung lässt sich wohl nicht lösen und ist vermutlich ein wichtiger Bestandteil von Reallaboren. Praxiserfahrungen haben aber gezeigt, dass wenn man wirklich versucht die Bevölkerung vor Ort mit einzubeziehen, kommt man zu individuellen Lösungen, die für die Personen dort stimmig sind. Natürlich lässt sich aus gelungenen lokalen Experimenten für andere Kontexte lernen. Das geht aber nur, wenn die Skalierbarkeit nicht als wichtiger angesehen wird als die Beteiligung der lokalen Bevölkerung.

Fazit

Klar, wir sind vor allem im Energie- und Verkehrswendebereich darauf angewiesen schnell zu handeln, um den Klimanotstand zu bekämpfen. Top-down-Lösungen werden jedoch selten akzeptiert. Es ist erfolgversprechender, wirklich mit den Personen vor Ort gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. Reallabore sind vielversprechende Ansätze, Technik und Gesellschaft zusammenzubringen und ein inklusiveres und achtsameres Miteinander zu fördern. Genau hierfür sollte man sie auch nutzen.

 

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