Verschlusssache Mobilfunkdaten: Muss alles geheim bleiben?

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Ein Gastbeitrag von Benno Bock und Robert Schönduwe

 

 

 

 

 

 

 

Benno Bock ist freier Datenanalyst, der seit über einem Jahrzehnt
neue Wege der Mobilitätsdatenanalyse geht. Robert
Schönduwe ist IT-Projektleiter und
Mobilitätswissenschaftler. Er leitet aktuell die Entwicklung
digitaler
Produkte bei H2 MOBILITY.

 

Verschlusssache Mobilfunkdaten:

Muss alles geheim bleiben?

Wie bewegt sich Deutschland? Und wie können wir das Verkehrssystem datenbasiert optimieren? Im Blogbeitrag “Black-Box Mobilität im neuen Licht” wurde gezeigt, dass mobilitätsbezogene Daten mittlerweile aus vielfältigen Quellen gewonnen werden.  Eine besonders populäre Quelle für Mobilitätsdatenanalysen sind Mobilfunkdaten, also die Daten, die im operativen Geschäft von Telekommunikationsunternehmen als Nebenprodukt anfallen. In diesem Blogbeitrag wird anhand eines Beispiels gezeigt, dass insgesamt zu wenig über die Methodik der Aufbereitung von Mobilfunkdaten bekannt ist und es deshalb zu Fehlinterpretationen von Analysen kommen kann. 

Sind Mobilfunkdaten nach zwei Jahren Netzausbau noch die gleichen? 

Zu Beginn der Corona-Pandemie im Jahr 2020 erschienen fast täglich Mobilitätsanalysen in der Presse, die auf Basis von Mobilfunkdaten erstellt wurden. Ein Beispiel für diese Analysen soll im Folgenden etwas genauer unter die Lupe genommen werden: In Mecklenburg-Vorpommern wurden erhöhte Mobilitätskennwerte festgestellt, die auf eine Zunahme der touristischen Aktivität im Bundesland schließen lassen. Zwar erscheint diese Annahme plausibel, der mögliche Einfluss methodischer Einflussfaktoren wird dabei jedoch unterschlagen: Ist das Plus in den Mobilfunkdaten vielleicht auch ein Effekt des Netzausbaus im Mobilfunk? 

Für den Tourismuseinfluss spricht, dass Mecklenburg-Vorpommern das touristisch aktivste Bundesland ist, mit deutlich mehr Übernachtungen pro Kopf als das zweitplatzierte Schleswig-Holstein. Auch lassen sich Hinweise finden, die für eine deutlich erhöhte touristische Aktivität sprechen. Aber ob das Ausmaß dieser Aktivitäten dazu führt, dass das Mobilitätsaufkommen des gesamten Bundeslandes jenes von 2019 wirklich übersteigt, kann mit den Daten nicht zweifelsfrei gezeigt werden.  

Gegen diese These spricht nicht zuletzt, dass in der Nebensaison ausgerechnet in den gleichen Datensätzen die kleinräumliche Verteilung der Zuwächse eben nicht in den typischen Tourismus-Hotspots an der Ostsee oder an der Seenplatte zu finden sind. Vielmehr wurden dort überwiegend rückläufige Aufkommensdaten vermeldet. Werden Telefónica- und Telekom-Daten im Jahresverlauf nebeneinandergelegt, fällt die Sonderstellung von Mecklenburg-Vorpommern (sowie Brandenburg) im Vergleich zu den anderen Bundesländern – z.B. das touristisch ebenfalls sehr bedeutsame Schleswig-Holstein – auf. Die Telefónica-Daten zeigen überdurchschnittlich hohe Aktivitäten, was insofern bemerkenswert ist, da die Differenz in allen anderen Bundesländern eher negativ ist.

Vergleich der Entwicklung von MND verschiedener Anbieter | Quelle: Eigene Normierung auf Basis von Destatis, Teralytics, RKI, Telekom

Die Vermutung ist, dass die Zuwächse in Teilen auch erhebungstechnische Gründe haben können. Brandenburg wie auch Mecklenburg-Vorpommern hatten in der Vergangenheit mit Abstand die geringste Netzdichte im Mobilfunknetz. Insbesondere die Telefónica hatte in diesen Regionen Netzlücken, die es zu schließen galt. Die drei Netzbetreiber Vodafone, Telekom und Telefónica planten Ende 2019 einen gemeinsamen Ausbau von 6.000 neuen Funkzellen. Es ist zu vermuten, dass sich die Anstrengungen der Telefónica zum Netzausbau in den Mobile Network Data (MND) widerspiegeln, denn je dichter das Funknetz, desto mehr Bewegungen werden erfasst.  

Touristen und Tagesausflügler sind als Grund für den Zuwachs bei den Mobilitätskennziffern z.B. aus dem Datenreport 2021 sicherlich auch ein Treiber. Die Wirkung des Netzausbaus erscheint aber ebenso plausibel, was in dem Falle die generelle Aussagekraft in der aktuellen Aufbereitungsform schmälern würde. 

Der Netzausbau durchkreuzt für manche Anbieter den Längsschnittvergleich. Mobilfunkanbieter konnten insbesondere in den vergangenen zwei Jahren große Fortschritte bei der Verbesserung der Netzabdeckung erreichen: mit entsprechenden, potentiell verzerrenden Effekten bei den Mobilfunkdaten. Denn die Daten werden auf Basis der Funkzellen erzeugt, die durch den Netzausbau verdichtet werden. Dichtere Zellen bedeuten mehr erfasste Bewegungen zwischen den Zellen. Es gibt daher große Unterschiede, je nachdem ob die Daten in der pulsierenden Stadt oder auf dem platten Land erzeugt wurden. Mit dem Netzausbau könnten in vielen Räumen nun mehr Wege erfasst werden. 

Mehr Transparenz wagen: eine Maxime, die Datenanbietern wie auch Anwendern gut käme 

Die größte Hürde ist aber die Geheimniskrämerei der Datenanbieter. Solange ihre Interessen den Umgang mit Mobilfunkdaten in Nebel hüllen, ist es noch ein weiter Weg, bis sich methodische Effekte – wie oben am Beispiel beschrieben – vernünftig nachvollziehen lassen. Ein mehrjähriges Monitoring von Mobilitätskennzahlen wird so nicht in sinnvoller Weise ermöglicht. Damit sich in dieser Richtung mehr bewegt, ist eine höhere Transparenz der Prozesse nötig. Dazu müssten bestimmte Kennwerte mit den gelieferten Daten aufgeführt werden, beispielsweise:  

  • Funkzellen: Die Form der Funkzellen (die zeitliche Dynamik deren Struktur durch Angabe der absoluten Mastenanzahl oder deren Dichte). 
  • Untersuchungseinheit: Die genaue Definition einer Bewegung. 
  • Hochrechnung: Den Umrechnungsansatz für das Mobilitätsaufkommen der räumlichen Einheiten der Ausgabedaten. Dazugehörige Kalibrierungen sowie die dafür verwenden Datengrundlagen. 
  • Anonymisierung: Die Anzahl und der Anteil der Bewegungen je Datensatz, die durch die Anonymisierung wegfallen. 

Solange eine solche Transparenz nicht vorliegt, sollten die mit Mobilfunkdaten getroffenen Aussagen immer auch im Hinblick der technischen-methodischen Möglichkeiten reflektiert werden. Doch es wäre für alle Seiten besser, wenn die Datenanbieter mehr Transparenz wagen würden.

 

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