Eine Investition in die Zukunft – Carsharing muss endlich familienfreundlich(er) werden

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Ein Beitrag von Franziska Zehl

 

Franziska Zehl ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der
Forschungsgruppe Digitale Mobilität und erforscht im Projekt
MOBICOR die Mobilität zu Zeiten der Corona-Pandemie.
Besonders
interessiert Sie dabei die derzeitige Lage des
öffentlichen
Verkehrs. Sie pendelt zwischen Würzburg/Bayern
und Berlin und
erlebt so die Unterschiede in der Vielfältigkeit
und Bedeutung
des öffentlichen Verkehrs in der Metropole Berlin
und der 128.000
Seelen Stadt Würzburg im direkten Vergleich.

 

Eine Investition in die Zukunft – Carsharing muss endlich familienfreundlich(er) werden

Auch wenn die Carsharing-Branche zu Beginn der Pandemie massive Umsatzeinbußen erlebte, konnte sie das Jahr 2020 insgesamt mit einem Plus an Kund*innen beschließen (bcs 2021). Diese Nachricht ist erfreulich, schließlich sind wir langfristig auf innovative Lösungen wie das Carsharing angewiesen, wenn Probleme wie der Klimawandel angegangen, die Mobilitätswende umgesetzt und lebenswertere Städte geschaffen werden sollen. Carsharing kann ein entscheidender Baustein auf dem Weg zur Lösung dieser Vorhaben sein. Entsprechende Angebote müssen für einen langfristigen Erfolg für Mensch und Umwelt aber endlich auf die vielfältigen Realitäten der breiten Bevölkerung angepasst werden.

Carsharing und Familie?

Wirft man einen Blick auf innerdeutsche Carsharing-Hotspots wie Berlin, ist die adressierte Kund*innengruppe auf den jeweiligen Betreiber-Websites wenig heterogen. Beworben werden die Carsharing-Angebote mit und damit vor allem für Klischee-Carsharing-Nutzende, also berufstätige Einzelpersonen oder junge Paare, die Carsharing für Freizeitzwecke nutzen. Eine der Lebenswelten, die dabei viel zu kurz kommt, ist die der Familie. Dass Menschen mit Kindern besondere Ansprüche an Carsharing-Angeboten haben, dürfte erklären, warum sie kaum eine Rolle spielen. Schließlich wird Carsharing für die ganze Familie erst dann zur Option, wenn ausreichend große Autos zur Verfügung stehen. Diese müssen auch gut erreichbar und mit Kindersitzen ausgestattet sein (BMVI 2015). Kindersitze für alle Altersklassen gehören jedoch keineswegs zur Grundausstattung von Carsharing-Autos.

Auch Menschen mit Kindern nutzen Carsharing

Dieser Befund ist durchaus problematisch. Wie eine Umfrage des WZB aus dem ersten Corona-Sommer 2020 zeigt, hat ein Drittel der knapp 1.500 befragten Nutzer*innen des Carsharing-Anbieters WeShare Kinder (siehe Ruhrort, Knie, Weber & Zehl 2020). 40 Prozent der überwiegend in Berlin angesiedelten Eltern machten dabei mindestens wöchentlich von Carsharing-Angeboten Gebrauch. Mehr als vier Fünftel der befragten Eltern bewerteten das Vorhandensein von Carsharing-Angeboten in der eigenen Stadt sogar als sehr wichtig.

Carsharing kann das private Auto ersetzen

Tatsächlich könnte eine familienfreundlichere Ausgestaltung von Carsharing-Angeboten nicht nur eine höhere Nutzungsfrequenz auf Seiten der Eltern zur Folge haben. So hält fast die Hälfte der befragten Eltern mit eigenem Pkw für durchaus wahrscheinlich, dass Carsharing in Zukunft ihr eigenes Auto ersetzen wird – vorausgesetzt bestimmte Rahmenbedingungen werden verbessert. Neben grundlegenden Veränderungen wie Flottenerweiterungen, günstigeren Tarifen oder mehr exklusiven Parkplätzen für Carsharing-Autos, könnte auch eine familienfreundlichere Ausrichtung von Carsharing entscheidende Anstöße zur Abschaffung des privaten Pkw geben. Abgesehen von allgemeinen Forderungen wie

Carsharing Angebote müssten mehr Flexibilität für Familien bieten!

geben befragte Eltern an, sich von ihrem eigenen Auto trennen zu wollen, „wenn meine Kinder alt genug sind um ohne Kindersitz zu fahren“, „wenn Carsharing eine bessere Lösung für den Transport von Kleinkindern findet“, oder „wenn es Carsharing-Autos mit Kindersitzen für Kleinkinder gäbe“. Wieder andere Eltern setzten voraus, dass „auch größere Wagen beim Carsharing zur Verfügung stehen würden“ oder ganz allgemein gesprochen „Carsharing familienfreundlicher wäre“.

Ohne Carsharing holen Eltern das private Auto in die Stadt

Während Carsharing also durchaus das eigene Auto ersetzen könnte, könnte das Fehlen entsprechender Angebote sogar das Gegenteil bedeuten. So zeigt die Befragung: Gäbe es in Berlin künftig kein Carsharing, würde nicht nur jede zehnte befragte Person mit Kindern, die bereits einen eigenen Pkw besitzt, den eigenen Fuhrpark um ein zusätzliches Auto erweitern. Mehr noch würden sich rund die Hälfte der Eltern, die bislang ohne eigenes Auto in Berlin auskommen, einen Pkw anschaffen. Dieses Ergebnis ist alarmierend, denn knapp zwei Drittel der befragten Eltern in Berlin besitzt bisher noch gar kein eigenes Auto.

Für viele Eltern gilt aber: lieber teilen statt besitzen

Noch mehr Privatautos in den Städten wollen Befragte mit Kindern aber gar nicht. Ganz im Gegenteil begründen 58 Prozent der Pkw-losen Eltern und 49 Prozent der Autobesitzer*innen mit Kindern ihre Anmeldung bei WeShare mit dem Motiv, dass „… es umweltfreundlich ist und dadurch weniger Autos in der Stadt herumstehen“.

Darüber hinaus wünschen sich nur 20 Prozent der befragten Eltern, die bislang ohne eigenes Auto auskommen, einen eigenen Pkw. Für die deutliche Mehrheit von 80 Prozent der Eltern ist diese Vorstellung hingegen nicht reizvoll – 45 Prozent fänden es sogar ganz und gar nicht schön (wieder) ein eigenes Auto zu besitzen.

Damit wird klar: Die meisten der befragten Eltern wollen gar kein privates Auto, würden sich aber ohne Carsharing eines anschaffen, um als Familie mobil zu sein. Diese Ambivalenz liegt nicht zuletzt in der besonderen Bedeutung des Autos gerade für Familien. Generell weisen Familien eine große Affinität zum privaten Auto auf, was sich unter anderem in einer überdurchschnittlich hohen Pkw-Verfügbarkeit von Menschen mit Kindern widerspiegelt (MiD 2017). Wie auch die Online-Umfrage des WZB zeigt, nutzen Eltern das Carsharing-Auto häufiger als kinderlose Befragte für Personentransporte oder Erledigungen. Anders als für kinderlose Nutzer*innen, die das Carsharing-Auto in 40 Prozent der Fälle für Freizeitzwecke nutzten, hat Carsharing für die befragten Eltern also vor allem einen funktionalen Charakter, der den Alltag mit Kindern spürbar erleichtert.

Wem also sollte in Zukunft ein Carsharing-Angebot gemacht werden?

Vor diesem Hintergrund stellt sich mit Blick auf bereits bestehende und zukünftige Carsharing-Angebote daher verstärkt die Frage, wer diese Möglichkeit zur Fortbewegung selbst in einer Großstadt wie Berlin wirklich benötigt. Das sind nun mal nicht nur junge, unabhängige, weil kinderlose Menschen, sondern auch Familienväter und -mütter, die ihren Arbeits- und Familienalltag mit Hilfe von Carsharing besser bewältigen könnten. Eine familienfreundlichere Ausrichtung der Carsharing-Angebote bietet die große Chance, die wirklich Auto-affinen und -abhängigen Gruppen wie Familien erreichen zu können. Schlussendlich wäre ein solches Angebot damit ein entscheidender Schritt in Richtung lebenswerterer, da weniger mit Autos überfüllter, Städte.

 

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