Verschiedene Welten in der Mobilität: Der Münchner Kongress und die Straße

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Ein Kommentar von Anke Borcherding

 

 

Anke Borcherding ist neben ihrer Tätigkeit als Mobilitätsbeauftragte der
FU Berlin, Gastautorin der Forschungsgruppe Digitale Mobilität am WZB.
Sie beschäftigt sich theoretisch und vor allem praktisch mit Projekten
zum Thema Mobilität und ist in der Stadt und auf dem Land immer nur mit
dem ÖV, dem Rad und manchmal mit einem Carsharing-Auto unterwegs.
Da sammelt sich viel eigene Empirie an. Im Beitrag berichtet sie über
ihre Eindrücke vom Mobilitätskongress in München.

 

 


Verschiedene Welten beim Münchner Mobilitätskongress und auf der Straße

Impressionen aus der Ferne

Beim Münchner Mobilitätskongress anlässlich der Automesse IAA Mobility zeigte sich eines besonders deutlich: Die Rhetorik der Mobilitätswende ist im Mainstream angekommen. Alle sind irgendwie dafür, dass sich etwas ändern muss. In wohltemperierten Statements werden die kleinen und größeren Ziele präsentiert, Konsens ist hergestellt. Alle sind sich einig und fühlen sich gut.

Das ist natürlich tatsächlich ein Fortschritt gegenüber den Zeiten aus dem kalten Verkehrskrieg. Aber irgendwie auch lauwarm. Die Maßnahmen kommen kleinteilig daher, sie sollen nicht wirklich wehtun. Einigkeit besteht aber auch darin: bloß keine Verbote, nur nicht radikal eingreifen wollen, sich auf keine Reduktionsziele festlegen, auch nicht beim Tempo innerhalb von Ortschaften, auf Landstraßen oder Autobahnen. Keine Verpflichtung auf Ziele. Kein 50% weniger Autos, kein Vorrang für Fußgängerinnen und Radfahrende, keine konkreten Umnutzungspläne für Straßen zu Radwegen oder Fußgängerzonen.

Stattdessen nette Talks in der Blase der Mobilitätswende-Community. Ausnahmen bestätigen dabei die Regel, die gab es natürlich auch. Katja Diehl (Bloggerin “She drives Mobility”) sei hier genannt, die zum Beispiel eine soziale oder genderspezifische Sicht auf die alltäglichen Probleme mit Mobilität eröffnet. Man kann tatsächlich etwas lernen. Ansonsten ist kein wirklicher Elan zu spüren in den Foren.

Elan und kämpferischer Geist zeigte sich auf der Straße

Die vielen jungen Menschen und ihre Initiativen zeigen ihre Begeisterung auf der Straße. Sie haben die Dringlichkeit für eine radikale Abkehr von der Autogesellschaft offenbar am besten erkannt. Und was sehen wir? Pfefferspray und Schlagstöcke gegen junge Menschen, die einfach nur ihr Recht auf freie Meinungsäußerung in Anspruch nehmen.

Man hat dieses Verhalten der Polizei aus anderen Zeiten gegenüber dem Schwarzen Block oder der autonomen Szene noch vor Augen. Aber die kritische Bewegung gegen die Dominanz der Autogesellschaft und ihre Folgen scheint weniger radikal in ihren Mitteln als frühere Bewegungen. Der Protest wirkt sachlich getrieben und von Zukunftsängsten besonders junger Menschen gespeist.

Sand im Getriebe wendet sich explizit gegen die Automobilindustrie und praktiziert dabei eine friedliche Form zivilen Ungehorsams. Das ist ein deutlicher Fortschritt gegenüber anderen militanten Protestformen. Komisch ist nur: in München werden junge Leute in ihrem Protest drangsaliert. In Berlin halten sogenannte Querdenker die Polizei tagelang zum Narren und die lässt das einfach mit sich machen.

So wirken die Welten sehr getrennt: hier die Fachkräfte, die gemütlich erklären, was sich auf den Straßen ändern müsste, dort die Aktivistinnen, die dies aktiv auf der Straße fordern und dabei wütend sind. Nicht ganz grundlos.

 

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