Mobilitätswende in Tel Aviv: Wie aus “Start-Up-Nation” “Mobilitätswende wird

# , ,

Ein Beitrag von Sarah George

 

Sarah George ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschungsgruppe
Digitale Mobilität und interessiert sich vor allem für Mobilität als
Teilhabe- und Machtressource. Sie hat zwei Jahre in Jerusalem gelebt
und berichtet für uns vom Balanceakt zwischen Verkehrschaos und
Mobilitäsinnovationen. 

 

 


Mobilitätswende in Tel Aviv:

Wie aus “Start-Up-Nation” “Mobilitätswende wird

Verkehr in Tel Aviv (© Sarah George)

Auch in Israel ist der Verkehr ein großes Problem für die Umwelt. Zugleich muss sich die Verkehrspolitik besonderen demografischen Herausforderungen stellen. Die Einwohner:innenanzahl wächst rasant an und auch die Anzahl der privaten Autos steigt stetig. Die Straßen sind voll, gefährlich und laut. In der Rush Hour braucht es schon mal 2 Stunden, um überhaupt aus Tel Aviv mit dem Auto herauszukommen. Die Durchschnittsgeschwindigkeit in der Stadt beträgt gerade mal 11 km/h.

Und genauso voll wie die Straßen, sind auch die Busse. Den Bus zu verlassen, ist dann nur möglich, wenn man sich selbstbewusst und ohne jegliche Rücksicht durch die einsteigenden Menschen kämpft. Höflich zu warten, bis die aussteigenden Gäste draußen sind, kennt man hier nicht.

Aus dem Bus ausgestiegen, kommen einem direkt sämtliche E-Scooter- und Pedelec-Fahrer:innen entgegen, die kreuz und quer den Straßenraum für sich einnehmen. Doch es bewegt sich einiges in der Start-Up-Nation.

Das Potenzial von Mobilitätsinnovationen für eine echte Mobilitätswende

In Tel Aviv befassen sich über 500 Unternehmen mit der Mobilitätswirtschaft. Viele sind Deutschland in den Bereichen Flottenmanagement, Verkehrsdatenverarbeitung, Fahrzeugvernetzung, autonomes Fahren und Elektromobilität weit voraus. Hier mal ein kleiner Einblick in ganz alltägliche Apps:

  • Moovit: eine All-In-One MaaS-App, die multimodale Routenoptionen vorschlägt und sogar einen eigenen Carpool integriert hat, um Fahrten zu bündeln. Am Ende des Monats wird automatisch der beste Tarif für alle genutzten Verkehrsmittel abgerechnet.
  • Waze: Wo Deutsche aus Datenschutzbedenken zurückschrecken würden, nutzen Israelis eine Navigationsapp mit kleinen lustigen Icons, die anzeigen, wer gerade wo langfährt, um Staus vorherzusagen und die bestmöglichen Routen und Abfahrtzeiten zu ermitteln. Seit kurzem kooperiert das Unternehmen auch mit der Stadt, die die Daten für Smart Traffic Lights nutzt, um den Verkehrsfluss zu verbessern und Emissionen zu senken.
  • Mobileye: Das Fahrerassistenzsystem ist seit 2018 Pflicht in allen neuen Autos. In Deutschland ist es uns eher wichtiger, die Autonomie meist männlicher LKW-Fahrer aufrechtzuerhalten – sie stellen ihre Fahrkünste nämlich auch ohne Abbiegeassistenten unter Beweis. In Tel Aviv hingegen wird Selbstfahren zumindest etwas sicherer, da das System vor anderen Verkehrsteilnehmer:innen warnt.
  • Ein landesweit einheitliches, kontaktloses Bezahlsystem für den ÖV: Während man sich in Deutschland um die ältere Bevölkerung sorgt, die weiter Bargeld behalten möchte, nutzt man in Tel Aviv seit 2012 eine Smart Card für den ÖV. Seit 2019 ist sie sogar die einzige Option zum Erwerb eines Tickets im Bus. Bargeld vermisst hier sowieso niemand.
  • Reallabor im Atidim Park: Der Experimentierraum, quasi als Stadt in der Stadt im Norden von Tel Aviv, beherbergt mittlerweile über 100 High-Tech Firmen, die verschiedene Verkehrs-Technologien wie kontaktlose Ladestationen für E-Scooter unter realen Bedingungen testen.

Doch mit Blick auf die aktuell noch überfüllten Straßen fällt auf, dass Innovationen und Kapitalismus allein nicht ausreicht, um eine Mobilitätswende in Gang zu setzen.

Fahrradwege in Tel Aviv (© Sarah George)

Auch die richtige Infrastruktur und ein politischer Rahmen müssen gesetzt werden, um von reinen Verkehrswendemaßnahmen hin zu einer Mobilitätswende zu kommen. Die neue Regierung und eine linke Verkehrsministerin haben im letzten Jahr einen 5-Jahres Plan mit einem Rekord-Budget vorgestellt. So ist vorgesehen, Anfang 2024 eine City-Maut für Tel Aviv einzuführen. Geplant sind drei Tarifzonen. Allerdings soll der Ticketpreis von umgerechnet ca. 10 Euro nicht übersteigen.

Flankiert wird der Plan durch bereits gut funktionierende Park- & Ride-Plätze unmittelbar vor Tel Aviv, um die Einfahrt in die Stadt durch Shuttles zu bündeln. Außerdem will die Stadt bis 2025 die Fahrradwege auf 300 km verdoppeln. Diese sprießen bereits jetzt überall aus dem Boden. Zum Bau dieser neuen Fahrradwege wurden allein dieses Jahr aus 11 Straßen die Autos verbannt und einige weitere zu Einbahnstraßen umgewidmet. Als Teil der neuen Urban Policy sollen ebenfalls zahlreiche neue Fahrrad-Parkplätze und Ladestationen für E-Scooter und E-Fahrräder entstehen (die man hier übrigens auch vielfach privat besitzt und nicht nur leiht).

Disclaimer: Mobilität als Trauma und Machtressource

Über die Verkehrspolitik in Tel Aviv zu schreiben fällt mir leicht, da ich weder Israeli noch
Palästinenserin bin und mich überall frei bewegen kann, ohne Militär- und Grenzkontrollen.

Wenn man über Mobilität in Israel schreibt, darf nicht unerwähnt bleiben, dass Mobilität auch als Machtressource verwendet wird. Wer sich wo und mit welchem Verkehrsmittel fortbewegen darf, ist oft das Ergebnis bewusster politischer Entscheidungen und steht nicht allen Menschen gleich frei. Wie schnell man beispielsweise von Zuhause zum Arbeitsplatz braucht, hängt hier auch mit der Staatsbürger:innenschaft zusammen: Ist man Palästinenser:in, muss man teilweise täglich mehrere Checkpoints überqueren und hat nur schlecht ausgebaute Straßen zur Verfügung, da dauert es gleich mal doppelt so lange.

Fazit: Gerade dominiert noch das Chaos, aber Tel Aviv hat das Potenzial in ein paar Jahren zum Mobilitätspionier zu werden.

Aber was können wir für eine deutsche Verkehrswende lernen?

  • Ältere Menschen kommen mit der Digitalisierung klar. Mehr noch, digital vernetze Door-to-Door Angebote verbessern ihre Mobilität.
  • Datenschutz und Anonymisierung der Daten ist wichtig, aber mit einer guten gesetzlichen Regulierung und politischem Willen können bestimmte Technologien den Verkehrsfluss erheblich verbessern.

Und: Mobilitätsinnovationen müssen sozial gerecht angepasst werden. Verkehrspolitische Maßnahmen funktionieren am besten, wenn sie wirklich alle nutzen. Insbesondere Algorithmus-basierte Apps enthalten einen Datenbias, wenn sie nicht von allen genutzt werden. Solange Teile der Bevölkerung weiterhin systematisch sowohl vom öffentlichen Verkehr als auch von New Mobility Solutions ausgeschlossen werden, müssen sie weiterhin im Auto sitzenbleiben.

 

Weitere Blogbeiträge von Sarah George:

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.

Menü