Die wunderbare Leichtigkeit des Verkehrs

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Ein Beitrag von Anke Borcherding

 

 

Anke Borcherding ist neben ihrer Tätigkeit im Projektmanagement
Nachhaltige Mobilität der FU Berlin Gastautorin der Forschungsgruppe
Digitale Mobilität
am WZB.
Sie beschäftigt sich theoretisch und
vor allem praktisch mit Projekten zum Thema Mobilität und ist in
der Stadt und auf dem Land immer nur mit dem ÖV, dem Rad und manchmal
mit einem Carsharing-Auto unterwegs. Da sammelt sich viel eigene Empirie an.

 

 


Die wunderbare Leichtigkeit des Verkehrs

Individuelle Mobilität wird bevorzugt, kollektive Mobilität verliert

Eine Pandemie hat es geschafft, was nie wirklich gelungen ist, nämlich unsere Alltagsmobilität ein wenig zu verändern. Während des Lockdowns und verbreitetem Homeoffice haben die Menschen neue Alltagsroutinen gelernt und ihre Mobilität eingeschränkt – aber sie haben bei der Wahl der Verkehrsmittel keine neuen Wege beschritten. Das Auto war schon vor der Pandemie das dominante Verkehrsmittel. Das ist es auch geblieben. Wer ein Auto hatte, ist damit gefahren. Auch das Fahrrad und das Zufußgehen wurden beliebter. Individuelle Mobilität zu Fuß, mit dem Rad und dem Auto dominiert. Kollektive Mobilität, beispielsweise im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), hat massiv Fahrgäste verloren. Der Anteil am Modal Split ist auf magere 8 Prozent gesunken und viele Kundinnen sind ganz verloren gegangen. Weiter steigende Zulassungszahlen von privaten Pkw – wir sind bundesweit bei 48 Millionen – sind aus mehreren Gründen keine gute Entwicklung, auch wenn der Anteil der Elektroautos langsam steigt.

Denn die Dominanz des Autos mit Verbrennungsmotor in autogerechten Städten und alternativlos auf dem Land hat bekanntermaßen negative Folgen für Umwelt und Gesundheit durch Luftverschmutzung, Lärmbelastung, Zersiedelung und Flächenverbrauch, Unfälle und ist zudem sozial nicht gerecht. Menschen mit niedrigeren Einkommen haben oftmals kein eigenes Auto, wohnen aber in den preiswerteren, da unattraktiveren Wohnungen an belasteten Straßen. Im wohlhabenderen Süden der Republik ist die Autodichte ebenso höher als im einkommensschwächeren Osten beispielsweise.

Das Auto als Freiheitssymbol

Aber das Auto ist nicht nur für viele alternativlos, sondern nach wie vor sehr beliebt, weil es eine Mobilität ermöglicht, die der ÖV in seiner bisherigen Form nicht bieten kann. Das Auto verspricht die große Freiheit, selbst zu entscheiden, wann und wohin die Reise gehen soll und dies in einem bekannten privaten Raum, quasi das Wohnzimmer auf vier Rädern. Die Öffentlichkeit bleibt jedenfalls draußen. Im ÖV ist man hingegen zwangsläufig in der Öffentlichkeit, muss sich mit Mitreisenden irgendwie abstimmen, Maske tragen und sich an Zeiten und Strecken halten, die man nicht selbst bestimmt und hat meistens noch Lauferei, um zur Haltestelle und wieder weg zu kommen, muss warten und das bei jedem Wetter und zu jeder Tageszeit draußen. Die Liste der Unpässlichkeiten ließe sich beliebig verlängern, gerade für die berühmte Letzte Meile. Selbstbestimmt ist diese Mobilität dann nicht.

Wenn der ÖV das Rückgrat der Verkehrswende werden soll, gibt es noch viel zu tun. Aber wie sollte unsere nachhaltige Mobilität idealerweise überhaupt sein? So nachhaltig wie der ÖV als kollektiver Verkehr und so flexibel wie das Auto als individueller Verkehr. Und das besser als beides, eben neu.

Bei der Betrachtung der Straßenverkehrsordnung (StVO) fällt ein bislang wenig beachteter Begriff auf, den man als neuen Leitbegriff in die weitere Reformarbeit nutzen kann: Leichtigkeit (siehe § 41 und § 42 der StVO). Leichtigkeit hat ja mehr Dimensionen als nur die rein technische. Leichtigkeit heißt zunächst weniger Belastung, also weniger Fahrzeuge. Statt der erwähnten 48 Millionen Autos nur noch die Hälfte und wenn diese dann voll besetzt wären, statt der üblichen 1,4 Personen pro Fahrzeug, könnten auch viele Personen mitfahren. Das müsste organisiert werden. Aber wir haben alle Handys und können uns abstimmen, am besten noch über eine App, die das übernehmen kann.

Leichtigkeit als neuer Leitbegriff für die Verkehrswende

Leichtigkeit ist auch weniger Geschwindigkeit, weniger Unfälle, weniger Stress. Mehr Sicherheit für alle. 130 km/h oder weniger auf Autobahnen, 80 km/h oder weniger auf Landstraßen und maximal 30 km/h in Ortschaften rettet Menschen das Leben und die Gesundheit. Schweden macht es mit seiner Vision Zero vor, es werden keine Verkehrstoten akzeptiert.

Leichtere und kleinere Fahrzeuge mit elektrischen Antrieben sind leiser, stoßen keine Abgase aus und vermitteln eine Leichtigkeit des Fahrens, wozu auch die Automatik beiträgt. Das sind prinzipiell andere Fahrzeuge als die gewohnten Schlachtschiffe.

Leichtigkeit in der Mobilität heißt auch, dass sie den Bedürfnissen der Menschen nach Ruhe, Platz, Sicherheit und guter Luft entspricht und nicht den Absatzbedürfnissen einer Fahrzeugindustrie und der durch die Masse der Vehikel erzwungenen Verschandelung von Stadt und Landschaft.

Leichtigkeit heißt auch, dass alle mobil sein können. Personen werden weder wegen Alter, Geschlecht, Status, Wohnort oder Handicap von Mobilität ausgeschlossen. Mobilität ist also zugänglich, schnell und flexibel, immer möglich und verlässlich, bequem und barrierefrei. Keiner bleibt im Regen stehen.

Wie soll das gehen?

Digital, automatisiert und elektrisch. Dazu ist es erforderlich, das System Mobilität komplett neu zu denken, alle Routinen und alten Zöpfe abzulegen und sich Ziele im Sinne der beschriebenen Leichtigkeit zu setzen. Dazu sind Bilder über Bord zu werfen: ein Auto braucht keinen Fahrer. Im Auto muss man nicht allein sitzen. Das Auto muss nicht im Privatbesitz sein. Ein Auto muss nicht schnell und laut sein. Der ÖV muss nicht langsam und dreckig sein. Der ÖV braucht keine komplizierten Tarife und Verbünde. Der ÖV verendet nicht an der Haltestelle. Der ÖV muss nicht starr und liniengebunden in großen Gefäßen exekutiert werden. Eine Stadt braucht keine verstopften und zugeparkten Straßen. Das Land braucht keine Kreuze an Landstraßen, die an junge Menschen erinnern, die sich zu Tode gerast haben.

Die Pandemie hat gezeigt, dass die Menschen das nicht mehr mögen und dass sich Menschen durchaus verändern können und neue Routinen ausbilden. Diese müssen aber politisch abgesichert und als langfristige Verhaltensänderung auch stabilisiert werden: Die Straßenverkehrsordnung und das Personenbeförderungsgesetz brauchen nochmals eine grundsätzliche Reform. Das ist eine lohnenswerte Aufgabe für die mögliche Ampel im Bund.

Geht nicht – gibt’s nicht. Schon allein weil wir unser Klima retten müssen.


 

Dieser Beitrag erschien in leicht abgeänderter Form im Sonderheft E-Mobility-Magazin’21 des Behörden Spiegel für Infrastruktur, Fahrzeuge und Konzepte unter dem Titel „Die Mobilitätswende kommt leider nicht von allein“. Bestellbar ab dem 15. November 2021 unter folgendem Link: https://www.behoerden-spiegel.de/sonderpublikationen/.

 

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