Foto: Valentin Baciu/​Pixabay

„Autofrei“ hilft auch den Autofahrer:innen

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Ein Beitrag von Theresa Pfaff

Theresa Pfaff ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschungsgruppe
Digitale Mobilität und beschäftigt sich im Projekt Verkehrswende erleben
damit, wie durch Visualisierungen unterschiedliche Menschen für eine
Verkehrswende erreicht werden. Ihr Hauptinteresse liegt bei der
Dekonstruktion der aktuellen Straßenstruktur und den dazugehörenden
Selbstverständlichkeiten unserer Mobilität, die sich dadurch etabliert haben.
In Berlin genießt sie derzeit die neuen breiten Fahrradwege und wünscht
sich, dass Sicherheit nicht weiter der Grund ist, der Menschen vom
Radfahren abhält.

 


„Autofrei“ hilft auch den Autofahrer:innen

Eine starke Vision hat der „Volksentscheid Berlin autofrei“ letztes Jahr für die Stadt entworfen und dafür auch viel Zustimmung geerntet. Man mag ihre Umsetzungsideen kritisieren und für verbesserungswürdig halten, wie Bettina Jarasch, grüne Verkehrssenatorin von Berlin, in einem Interview.

Viel mehr Aufruhr verursachte allerdings die Begrifflichkeit „autofrei“. Für die einen assoziiert dieses Wort eine nahezu traumhafte Vision vom Zustand unserer Straßen, für die anderen wirft es zu viele Fragen auf oder entpuppt sich gar als Provokation. Wer schon einmal versucht hat, mit autofahrenden Familienmitgliedern ein Gespräch damit zu eröffnen, weiß was gemeint ist.

Worum geht es eigentlich, wenn eine „autofreie“ Stadt gefordert wird? Zunächst zielt das Konzept auf eine pragmatische Lösung für alle. Die einen wollen nicht überfahren werden und möglicherweise sterben, andere haben keine Lust auf Parkplatzsuche und Staus. Eine weitere Gruppe strebt weniger Lärm und Feinstaubbelastung an.

Alle wollen aber irgendwie am Ende dasselbe: ein schönes, anhaltendes (!) und bequemes Leben in einem lebenswerten Umfeld.

Tatsächlich aber ist in den letzten Jahrzehnten ein Verkehrsmittel als angeblicher Träger von Freiheit und Bequemlichkeit deutlich bevorzugt worden. Doch wie bequem war Autofahren jemals und ist es wirklich noch? Wartung und Reparaturen, Kfz-Steuer, mittlerweile steigende Kraftstoffpreise und, wie schon erwähnt, die massenhaft investierte Zeit in Staus und bei der Parkplatzsuche – und jetzt kommt noch dieses Autofahrer:innen-Shaming durch den Klimadiskurs hinzu – all das nervt gewaltig.

Trotzdem geht es nicht darum, das Auto abzuschaffen, sondern Stellschrauben neu zu justieren, die jahrzehntelang missachtet und missbraucht wurden. Wir müssen zusammen aufräumen auf unseren Straßen. Denn die erreichte Eskalationsstufe bei der Verbreitung des Autos ist für alle – auch für Personen mit Auto – eine Belastung.

Besser leben mit dem Auto

Zunächst wäre es doch praktisch, einen festen Stellplatz zu haben. Mobilitäts“geräte“, die 90 Prozent der Zeit rumstehen, sollten einen sicheren und stabilen Abstellort bekommen, so dass ihre Besitzer:innen sich entspannen können und Zeit sparen.

Quartiersgaragen sind da eine schöne Idee. Vor allem für innerstädtische Bereiche ist das ein Modell, das für eine höhere Flächengerechtigkeit sorgt. Autobesitzer:innen hätten dann ähnliche Distanzen zu ihrem Fortbewegungsmittel zurückzulegen wie Öffi-Nutzende zu den ÖPNV-Stationen.

Kostentechnisch wird stets auch unterschätzt, wie teuer der private Besitz von Fahrzeugen ist und welche gemeinschaftlichen Kosten durch Fahrzeuge und ihre Infrastruktur, gesundheitliche Belastung und Klimaschäden hervorgerufen werden.

Sollten Menschen sogar auf den Privatbesitz eines Autos verzichten wollen, gibt es künftig trotzdem wunderbare Möglichkeiten, weiterhin Autos zu nutzen. Zweifellos sind die Angebote im Sharing und Ridepooling absolut verbesserungswürdig. Grundsätzlich bieten sie aber die Chance, die Anzahl der Fahrzeuge zu reduzieren und die weitere Nutzung von Autos durch weniger Staus bequemer zu machen.

Was ist aber mit den Menschen, die auf eine ständige Verfügbarkeit eines Autos angewiesen sind? Zum Beispiel Menschen mit Behinderung oder Menschen, die durch mangelnde Barrierefreiheit behindert werden. Sie werden laut der Aktivistin Cécile Lecomte oft als Gegenargument für eine Autoreduktion angeführt.

Für diese Menschen kann das Auto tatsächlich eine Freiheit bedeuten, die bei anderen Mobilitätsarten durch eine Exklusionspolitik und aus Gründen der Rentabilität nicht gewährleistet wird. So muss dieser Nachteil im Privaten durch ein Auto ausgeglichen werden.

Das ist laut Lecomte kein „Naturgesetz“ und kann durch eine wahrhafte Inklusionspolitik bei der Bahn und auch bei Sharing-Anbieter:innen verändert werden. Für die Zwischenzeit wäre es auch für diese Menschen im Übrigen angenehmer, wenn sich andere weniger in Autos fortbewegen.

Ganz autofrei ist unmöglich und unnötig

Als weiteres Gegenargument, den Autoverkehr massiv einzuschränken, wird der Wirtschaftsverkehr herangezogen. Lieferdienste und Gewerbe seien auf das Auto angewiesen.

Nun, wenn man bedenkt, dass der Lieferverkehr ebenfalls unter Staus und zugeparkten Lieferzonen leidet, wäre es doch angemessen, wenn diese Nutzungsgruppen durch weniger private Pkw auf den Straßen entlastet würden. Gleichzeitig ist z. B. der Logistikbereich sehr innovationsfreudig und man sieht bereits viele große Lastenräder auf der Straße.

Für diejenigen, die das Auto, wenn es denn sein muss, nutzen, gibt es eine weitere angenehme Idee: Durch ein flächendeckendes Tempo 30 (und weniger) könnte Autofahren in dichtbesiedelten Gebieten weniger risikoreich werden. Nicht nur sinkt nachgewiesenermaßen bei Tempo 30 die Zahl und Schwere der Unfälle immens, und die Autofahrer:in muss nicht für immer damit leben, dass jemand aufgrund des eigenen Autos zu Schaden gekommen oder gar gestorben ist – auch die eigene Sicherheit ist erhöht, da sich Verkehrsfluss, Reaktions- und Bremszeiten im Miteinanderfahren entspannen.

Wir werden niemals ganz und gar autofrei sein und das ist auch gut so. Autos müssen aber in eine effiziente multimodale Struktur der Fortbewegung und Transportlogistik eingebettet und ihre Nutzbarkeit muss maximiert werden – das hilft auch der Pflegefachkraft nach ihrem Nachtdienst.

Autos sind ein sinnvoller Bestandteil unserer Mobilität. Da ist in den letzten Jahrzehnten “nur” etwas aus dem Ruder respektive Lenker gelaufen. Das können wir neu justieren, wenn wir verstehen, dass es allen nutzt, und wir nicht zulassen, dass sich durch einzelne Begriffe die Fronten verschärfen.

(Dieser Beitrag erschien ebenfalls auf klimareporter.de)

 


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