Ein Beitrag von Weert Canzler

 

 

Weert Canzler ist Co-Leiter der Forschungsgruppe
Digitale Mobilität und gesellschaftliche Differenzierung.
Gemeinsam mit seinem Kollegen Andreas Knie wurde
er 2021 mit dem Bertha-und-Carl-Benz-Preis der
Stadt Mannheim ausgezeichnet.

 

 

 


Zurück in die 60er Jahre!

Was das Bundes­verkehrs­ministerium vorhat, ist das genaue Gegenteil des klimapolitisch Notwendigen. Wir brauchen eine Verlagerung vom motorisierten Straßenverkehr auf andere Verkehrsmittel sowie insgesamt weniger Verkehr – das heißt weniger Autos, weniger Lkw, weniger Straßen.

Kurz vor dem 1. April hat die parlamentarische Staatssekretärin im Bundesverkehrsministerium Daniela Kluckert von der FDP mitgeteilt, dass die Ausschreibung für die Planungen zum Ausbau der Stadtautobahn A100 in Berlin veröffentlicht worden ist. Damit sollen Planungen aktualisiert werden, die aus den 1960er Jahren stammen.

Vor über 50 Jahren war es schick, Autobahnen durch Städte zu bauen und damit einen weiteren Schritt zur “autogerechten Stadt” zu machen. Da möchten Kluckert und das von ihrer Partei geführte Ministerium wieder hin.

Abgesehen davon, ob der extrem teure innerstädtische Neubau einer Autobahn durch den Koalitionsvertrag der Ampel überhaupt gedeckt ist, sind die Botschaften dieser Entscheidung von einer atemberaubenden Naivität und Chuzpe: Mehr Straßen lösen die Verkehrsprobleme, neue Autobahnen helfen gegen die Klimakrise und ein Ausbau der Straßeninfrastruktur steigert die Energieeffizienz im Verkehr.

Das klingt etwas nach Orwell, ist aber vor allem Ausdruck eines kindlichen Egoismus: “Ich stehe oft auf der Autobahn im Stau, weil sie nicht breit genug ist und zu früh aufhört.” Das hat nichts mit verkehrspolitischem Kontext- (oder auch nur Basis)wissen zu tun, sondern entspricht einer konsequent egozentrischen Weltsicht.

Dazu kommt ein gnadenloser Populismus, der sich aus lautstarken Unmutsäußerungen einer Minderheit von Autonutzenden speist, die diese spezifische Verkehrsform als Grundrecht und die historisch gewachsenen Privilegien des Autos als Freiheit missverstehen. Wir könnten das alles als schräge Nostalgie oder “aus der Zeit gefallen” abtun, aber leider werden so Mittel und Planungsressourcen gebunden, die uns für eine klimaverträgliche Verkehrspolitik und damit einhergehende Infrastrukturanpassungen schlicht fehlen.

Denn die brauchen wir besser heute als morgen. Der Verkehr, das heißt, in erster Linie der motorisierte Straßenverkehr, ist das Klimasorgenkind Nummer eins und zudem der hartnäckigste Stadtzerstörer. Längst ist klar, dass wir nicht nur eine schnelle Elektrifizierung der Antriebe brauchen.

Andere Städte bauen Schnellstraßen zurück

Wir brauchen ebenso eine Verlagerung vom motorisierten Straßenverkehr auf andere Verkehrsmittel und zudem insgesamt weniger Verkehr. Das funktioniert nur mit weniger Autos und Lkw und mit weniger Straßen. Also mit dem genauen Gegenteil von dem, was Daniela Kluckert und ihr Ministerium vorhaben.

Weniger Autos, weniger Autofahrbahnen und weniger Parkplätze. Weniger motorisierter Straßenverkehr und mehr öffentlicher Verkehr, mehr Platz für das Radfahren und Zufußgehen. Mehr Aufenthaltsqualität, mehr Spielgelegenheiten für Kinder und mehr Sicherheit für Alte und Behinderte – gerade und vor allem in Städten.

All das ist Stoff einer jeden verkehrspolitischen Grundsatzrede. Vieles davon finden wir auch auf der Homepage und in den Broschüren des Verkehrsministeriums. Etliche Metropolen in der früh motorisierten Welt belassen es nicht bei diesen verkehrspolitischen Gemeinplätzen. Sie bauen ihre Infrastruktur tatsächlich um.

Ob Paris oder London, Brüssel, Stockholm oder Mailand: Dort werden private Autos herausgedrängt. Es werden Straßen zurückgebaut und für andere Verkehrsmittel umgewidmet. In mehr als 30 nordamerikanischen Städten werden gerade die Stadtautobahnen zurückgebaut.

In vielen Städten erhält außerdem das Parken einen Preis, oft wird eine City-Maut eingeführt. Gleichzeitig werden die Alternativen zum Privatauto gestärkt, es entsteht Platz zum sicheren Radfahren. Stadtgrün wird angepflanzt und mit mehr entsiegelten Flächen wird das Mikroklima verbessert. So auch in Seoul. Dort wurde 2005 die Stadtautobahn aus den 1970ern komplett abgerissen und ein Stadtpark mit breiten Radwegen angelegt. Die Verkehrssituation hat sich seither in der südkoreanischen Hauptstadt merklich entspannt.

Also bitte, Frau Kluckert, googeln Sie einfach einmal “Stadtautobahn Rückbau Seoul”. Dann werden Sie wahrscheinlich sagen: “In der Stadt ist es klasse mit weniger Autos und weniger Straßen. Steht sogar im Internet.”

(Dieser Beitrag erschien ebenfalls auf klimareporter.de)


 

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